Wir schreiben das Jahr 2005: Tom Angelripper muss was loswerden, schließlich haben Sodom schon fast ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel - und in dieser Zeit hat sich die ein oder andere erzählenswerte Geschichte ereignet. Diese Geschichten sind in einem Werk zusammengefasst, welches alle übrigen Bands in Sachen Biographiearbeit in den Schatten stellt.
"Die Band ist so scheiße, die muss man unter Vertrag nehmen!" Das legendäre Urteil des SPV-Chefs Manfred Schütz (welches er so allerdings nie gesagt haben will), dürfte bei fast allen Sodom-Fans bekannt sein. Trotz eines erschreckend schlechten Auftritts (oder gerade deswegen?) sind Sodom die erste deutsche Thrashmetalband gewesen, die einen Plattenvertrag bekommen hat - und mit "In The Sign Of Evil" (1984) haben die drei Bandmitglieder ein Debüt produziert, an dem sich auch über 25 Jahre später noch die Geister scheiden. Nichtsdestoweniger hat diese Platte vielen anderen extremen Metalbands aus Deutschland den Weg ans Tageslicht geebnet. Was zur Bandgründung geführt hat, wie diese vonstatten gelaufen ist und was in der Zeit danach geschehen ist, liegt auf einer DVD vor, die fast keine Fragen mehr offen lässt. Der Zusatz "Part 1" lässt es übrigens schon erahnen: Hier bekommt man nicht die ganze Geschichte zu hören bzw. zu sehen, sondern zunächst nur die Jahre von 1982 bis 1995 - von der Gründung der Band, bis zu deren vorläufigem Ende Mitte der 1990er Jahre. Das gesammelte Material ist schlicht zu umfangreich gewesen, um es auf einer einzigen DVD veröffentlichen zu können. Dabei ist dies der ursprüngliche Plan gewesen. SPV sind nach dem Album "M-16" (2001) auf Bandgründer, Sänger und Bassist Tom Angelripper mit der Idee einer Bandbiographie, anlässlich des bevorstehenden 20jährigen Jubiläums, zugekommen. Dieser hat sich in die Arbeit gestürzt - nicht ahnend, welches Ausmaß dieses Projekt annehmen würde... Allein schon die nackten Zahlen sprechen Bände und lassen nur vermuten, wieviel Material zusammengetragen worden ist. Tom Angelripper und sein Regisseur Ronald Matthes haben Interviews mit allen verfügbaren ehemaligen Bandmitgliedern, unzähligen Musikern anderer Bands (darunter Peter Tätgren, Bela B., Mille Petrozza und Chris Barnes), diversen Konzertveranstaltern, Journalisten, Fans und Toms ehemaligen Arbeitskollegen geführt. Darüber hinaus ist auch in den Archiven gewühlt worden, um alte Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte, uralte Demo-Aufnahmen, diverse Livemitschnitte und Fernsehauftritte zu präsentieren. Das Ganze aufsummiert ergibt eine 196 Minuten lange Dokumentation, welche die Geschichte Sodoms aus allen möglichen Blickwinkeln beleuchtet. Und dies ist der wohl größte Pluspunkt dieses Rückblickes: Tom Angelripper verzichtet auf einen allgemeingültigen Wahrheitsanspruch und lässt stattdessen jeden Beteiligten seine eigene Meinung zu den Geschehnissen äußern. Daher ist "Lords Of Depravity" keine einseitige Lobhudelei auf Sodom geworden. Vielmehr werden beide Extreme der Band aufgezeigt. Dazu gehört zum Einen die Vorreiterrolle in der deutschen Thrashmetal-Szene, zum Anderen aber auch das absolut dilletantische Vorgehen zu Beginn der Karriere. Und auch Herr Angeripper selbst spart nicht mit Selbstkritik - sei es nun zu misslungenen Arbeiten mit Produzenten ("Der Horst Müller hat sich erstmal einen gekifft") oder seiner anfänglichen musikalischen Unfähigkeit ("Wir waren ja früher chaotisch, das gibt's ja gar nicht"). Neben der relativ objektiven Beschreibung der Geschehnisse, weist dieses Werk zudem eine gute Strukturierung auf. Die Geschichte wird chronologisch erzählt, mit einer kurzen Einführung zur Situation des Metal zu Beginn der 1980er Jahre. Aufgrund der Einblendung der Jahreszahlen weiß der Zuschauer zu jeder Zeit, an welchem Punkt der Historie man sich gerade befindet. Doch Quantität, Objektivität und Strukturierung sind am Ende wertlos, sofern der Unterhaltungsfaktor fehlt. Doch auch in dieser Disziplin ist "Lords Of Depravity" nahezu unschlagbar. Manche Erzählungen sind zum Brüllen komisch, bei anderen schüttelt man nur fassungslos den Kopf. Ebensowenig fehlen dramatische Momente. Im Rückblick besonders tragisch sind vor allem die Auftritte des ehemaligen Schlagzeugers Chris Witchhunter, der Ende 2008 aufgrund jahrelangen Alkoholmissbrauchs gestorben ist. Aus heutiger Sicht wirken seine Auftritte nicht mehr unfreiwillig komisch, sondern zeigen einen Menschen, der sich langsam aber stetig seinem Ende nähert... Die Hauptrolle in diesem Werk spielt jedoch Tom Angelripper, der es mit Hilfe seines Charmes und seiner Authentizität schafft, zu jeder Zeit spannend und unterhaltsam seine Sicht der Dinge vorzutragen. Doch auch die übrigen Beteiligten stehen dem in vielen Fällen in nichts nach, so dass zu keiner Minute das Gefühl von Langeweile aufkommt. Es wäre müßig an dieser Stelle detailliert auf Inhalte einzugehen, da diese den hiesigen Rahmen deutlich sprengen würden. Daher seien nur zwei Höhepunkte der Erzählung genannt: 1. Die entlarvenden Kommentare von Grave Violator zur Debüt-EP "In The Sign Of Evil" - der Mann versteht bis heute nicht, wieso Sodom damals so viele Erfolge gefeiert haben. 2. Die Erzählung über die Osteuropatour Ende der 1980er Jahre, als Tom Angelripper an der Grenze vergessen worden ist - an und für sich ziemlich tragisch, allerdings auch absurd komisch. Der Lachkrampf ist garantiert. Es sind allerdings nicht nur die großen Erzählungen, die Begeisterung auslösen, sondern auch die vielen kleinen Details, die manche Zuschauer sicherlich verblüffen mögen - z.B. Milles dezent genervter Kommentar zu Sodoms Angebot dort mitzuspielen ("Ich hab' dann jemanden vermittelt, der sich später 'Grave Violator' nennen musste"). Jetzt ist aber erstmal Schluss, sonst wird noch zuviel verraten. Stattdessen gibt es eine uneingeschränkte Kaufempfehlung für "Lords Of Depravity"! Diese Historie ist sein Geld auf jeden Fall wert und unterhält auch nach ein Dutzend Betrachtungen noch wie beim ersten Mal. Von anderen Bands existiert bislang nichts ähnlich qualitativ und quantitativ hochwertiges - selbst die bisherigen Rückblicke solcher Metalgrößen wie Iron Maiden (z.B. "The Early Years", 2004) haben schwer an Sodoms Veröffentlichung zu knabbern, da sie weder derat unterhaltsam noch derart informativ sind. Neben der Dokumentation über die ersten 12,5 Jahre Sodoms bekommt man zusätzlich eine Live-DVD der aktuellen Besetzung mit Bobby am Schlagzeug und Bernemann an der Gitarre. Das Besondere daran: Diesmal gibt es kein reines Konzert zu sehen, sondern einen Zusammenschnitt aus verschiedenen Auftritten. Als besondere Zugabe hat die zweite DVD zudem noch Videos von Ausgebombt, Silence Is Consent und Die Stumme Ursel zu bieten - Letzteres ist damals für eine Aufklärungsendung des ZDF gedreht worden. Und den Trailer zu "Verlierer" (1986) darf man auch noch zu bewundern - ein Film über randständige Jugendkulturen der 1980er Jahre mit Campino von den Toten Hosen und Grave Violator in Nebenrollen.
Wertung: 10/10
Weitere Informationen:
VÖ: 05.11.2005 Spielzeit: 196 Minuten (DVD 1), 107 Minuten (DVD 2) Genre: Thrash Metal Label: SPV Sprache: Deutsch Untertitel: Deutsch, Englisch Format: 16:9 Freigabe: ab 16 Jahren Regie: Ronald Matthes
Titelliste (DVD 2):
Live:
01. Among The Weirdcong 02. The Vice Of Killing 03. Outbreak Of Evil 04. Masquerade In Blood 05. The Saw Is The Law 06. Remember The Fallen 07. Die stumme Ursel 08. M-16 09. Napalm In The Morning 10. Nuclear Winter 11. Tombstone 12. Sodomized 13. Eat Me! 14. Code Red 15. Aber bitte mit Sahne 16. Der Wachtturm 17. Agent Orange 18. Sodomy And Lust 19. Witching Metal 20. Ausgebombt 21. Ace of Spades 22. Stalinhagel
Videos:
01. Ausgebombt 02. Silence Is Consent 03. Die Stumme Ursel 04. "Verlierer"-Trailer
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