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Iced Earth - Dystopia PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Philipp Klein   
Sonntag, den 23. Oktober 2011 um 00:41 Uhr

Alles auf Anfang? Wir erleben den dritten Neustart in 10 Jahren. Was nun, Herr Schaffer?

Es ist fast schon eine leidige Geschichte: der Posten des Sängers bei Iced Earth. Ich vermute, nicht nur für mich dürfte Iced Earth in Sachen Gesang vor allem mit Matt Barlow verbunden sein. Der Rotschopf kam mit dem dritten Album "Burnt Offerings" dazu und saß dann, im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Nachfolgern dann immerhin für acht Jahre, respektive vier Alben und ein geniales Live-Dokument, auf dem Thron. Nachfolger Tim Owens trat danach ein zweites Mal in die Fußstapfen eines übergroßen Sängers, brachte es auf die Hälfte der Zeit und Alben und wurde am Ende, auch zum zweiten Mal, durch seinen Vorgänger ersetzt. Zwar blieb Matt Barlow wiederum vier Jahre bei der Band, ausser einem, von Fans und Presse ziemlich kritisch betrachteten, Album bleiben aus dieser Phase jedoch nur zahlreiche Live-Auftritte in Erinnerung. Umso überraschender dann im letzten Jahr die Ankündigung des erneuten Austritts und vor allem dessen Form. Während die Band, mit der Neubesetzung am Mikro, bereits am neuen Album werkelte, wurde gleichzeitig eine Abschiedstournee auf diversen Festivals gespielt. Nun hält also Stu Block das Mikro in der Hand. Als die Ankündigung erschien, dass der Into Eternity Sänger den Posten übernehmen wurde, musste ich, wie viele andere sicher auch, ersteinmal herausfinden, wer Into Eternity sind und wie sich Block in diesem Rahmen präsentierte. Im Gegensatz zum vorhergehenden Barlow-Ersatz verlegte sich Bandchef Jon Schaffer also auf einen eher unbekannten Namen. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass die Wahl exzellent war. Ohne der Beurteilung der musikalischen Qualität des Materials vorwegzugreifen darf ich sagen, dass Stu Block, nach Barlow, der beste Sänger sein dürfte, den die Band bisher in ihren Reihen hatte. War ich nach meinen Into Eternity Proben noch einigermaßen skeptisch, kam spätestens mit der Neuaufnahme des Iced Earth-Klassikers Dante's Inferno diesen Sommer (als MP3 zu beziehen über die offizielle Homepage) regelrechte Begeisterung auf. Der Mann beherrscht sowohl die höheren Töne und Shouts der beiden ersten Sänger und Owens als auch die etwas tieferen Barlowesquen Sangeskünste und stößt ab und zu in fast schon extrem-metallische Bereiche vor. Es ist in der Tat verblüffend, dass er es auf dem neuen Material schafft stellenweise so zu klingen, als hätten sich Matt Barlow und Rob Halford für eine Co-Produktion eingefunden.
Damit sind wir auch schon beim eigentlichen Thema dieses Artikels. Das neue Album hört auf den Namen "Dystopia" und, keine Überraschung für Iced Earth, orientiert sich daran zu weiten Teilen als Textkonzept. Damit steht auch die Beantwortung der Frage an, ob die musikalischen Schwächen der letzten beiden Releases dem Druck geschuldet waren, dass Schaffer seinem Urkonzept "Set Abominae" gerecht werden wollte und musste. (Woran er letztendlich scheiterte und in zahllosen belanglosen Selbstkopien versank.) Die Frage lässt sich leider nicht ganz eindeutig beantworten, eine gewisse Befreitheit kann man den neuen Stücken jedoch zweifelsohne attestieren. Einer der Punkte, die für mich zum Hauptproblem aller Werke seit Horror Show gehören, ist leider immer noch aktuell. Der Sound ist immer noch zu "gut" und ausladend, ein häufiges Problem moderner Produktion, nicht nur im Hause Schaffer. Dafür hat Jon es immerhin bei einigen Stücken geschafft, endlich mal wieder die Kelle auszupacken und Aggressionen zu vermitteln. Dieses alte Markenzeichen glänzte auf den letzten Veröffentlichung leider vollständig mit Abwesenheit. Die Platte beginnt gleich mit dem Titelstück, dass musikalisch durchaus gefällig ist, ohne allerdings höchste Weihen zu erreichen. Nicht nur durch die angesprochene Sangesvielfalt seitens Stu Block erinnert es mich jedoch stellenweise ziemlich an Schaffers alte Helden von Judas Priest. Klammere ich die Gettysburg-Trilogie des Ripper-Erstlings aus, wäre der Song auf jeder nach "Horror Show" erschienen Platte jedoch ein Highlight, man kann also getrost von einem guten Anfang sprechen. Danach präsentiert die Band dann leider etwas durchwachsenes Material. Ich muss zugeben, für mich sind Iced Earth immer wegen den Thrash-Einflüssen interessant gewesen. Vor allem Schaffers bei Maiden-entliehener "Galopp-Riff-Sound" war über Jahres eines der prägenden Stilmittel. Tauchten dann doch mehr Power Metal lastige Songs auf, oft im Mid-Tempo, schaffte man es trotzdem immer eine gewisse düstere Stimmung zu produzieren, die das Gehörte interessant hält. Im neuen Jahrtausend schrumpfte der Thrashanteil zusammen mit dem Riffgalopp immer mehr und gleichzeitig wurden die, nun meist eher mittelschnellen Stücke, ausladender und verloren die alte Stimmung zunehmend aus dem Blick. So ist es kein Wunder, dass ich mich auf "Dystopia" vor allem für die endlich wieder vorhandenen schnellen Songs erwärmen kann. Hier sind vor allem Boiling Point und Tragedy and Triumph zu nennen, auch wenn der letztgenannte Schlusssong für Bandverhältnisse fast schon unverschämt fröhlich daherkommt. Dazu gesellen sich weitere überzeugende Stücke, wie etwa das treibende Days of Rage, dass erahnen lässt, dass die Band auch schonmal Granaten wie Violate verbrochen hat und zumindest hier nimmt Schaffer den Hörer wieder mit auf seinen berüchtigten Ritt durch die Prärie. Alleine das Anfangsriff von Dark City, einem weiteren der eher schnellen Stücke, weißt mehr Ideen auf und macht mehr Spaß als beide "Something Wicked"-Konzeptalben zusammen. Das erste Mal seit Jahren haben Iced Earth es geschafft, alte Tugenden weiterzuentwickeln, ohne deren Identität zu verwässern. Bei aller Rückbesinnung und häufigen Zitaten verkommt das Material jedoch niemals zur Selbstkopie und man kann das erste Mal in diesem Jahrtausend eine wirkliche Evolution des alten Bandsounds attestieren. Zudem zeigt Stu Block sich immer wieder als Meister der Wandlungsfähigkeit. Er veredelt die Stücke geradezu, im Grunde gelingt dem Neumitglied hier das, was sich viele durch die Rückkehr Barlows beim letzten Album bereits erhofft hatten. Leider hat das Album auch ein paar schwächere Moment. Allen voran müssen hier die beiden eher balladesquen Stücke Anthem und End of Innocence genannt werden. Die Musik erreicht nicht annähernd die Intensität die Schaffer einst mit großen Bandhymnen wie Melancholy oder I Died For You schuf. Die Songs müssen leider das Prädikat "verzichtbar" tragen. Dazu kommen die beiden eher mitteleiligen Songs Anguish Of Youth und V die zwar nicht weh tun, aber denen auch keine wirkliche Magie innenwohnt. Das erinnert fatal an viele Stücke von "The Glorious Burden". Hier praktiziert man Epik um der Epik willen, ohne jedoch letztendlich auf den Punkt zu kommen.
Was bleibt am Ende? Meiner Meinung nach kann man das Album ohne Bauchschmerzen als das beste nach "Horror Show", und damit seit über 10 Jahren bezeichnen. Besser war Schaffer in der Zwischenzeit einzig und allein bei seinem Gettysburg-Meisterstück. Trotzdem kann ich mich nicht zu allzugroßen Lobeshymnen hinreissen lassen. Dafür fehlt am Ende doch noch zu viel zu der Band, die ich einst lieben gelernt habe. Trotzdem, sieht man das Album als Start einer neuen Reise, so kann man zuversichtlich in die Zukunft blicken. Der Kompass scheint sich langsam wieder einzupendeln, und mit Stu Block hat die Band den wertvollsten Neuzugang seit 1995 zu vermelden, damals stieß Matt Barlow zur Band. Mit Ach und Krach, vor allem wegen Stu Block, kann ich mich jedoch zu acht Punkten hinreißen lassen.
Als kleine Anmerkung sei noch die Limited Edition angesprochen. Enthalten sind dort insgesamt drei zusätzliche Stücke. Während Soylent Green recht gefällig ist, plätschert Iron Will eher ziellos vor sich hin und der "String Mix" von Anthem macht das Stück leider auch nicht größer. Insgesamt sollte man also auch mit der normalen Fassung zufriedenstellend unterhalten werden.

Anspieltipps: Dark City, Boiling Point, Days Of Rage, Tragedy And Triumph


Wertung:
8/10

 

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Weitere Informationen:

VÖ: 17. 10. 2011
Spielzeit: 59:35
Genre: Power Metal
Label: Century Media
Homepage: http://www.icedearth.com

Besetzung:

Stu Block - Gesang
Jon Schaffer - Gitarre
Troy Seele - Gitarre
Freddie Vidalez - Bass
Brent Smedley - Drums

Titelliste:

01. Dystopia (5:49)
02. Anthem (4:54)
03. Boiling Point (2:46)
04. Anguish Of Youth (4:41)
05. V (3:39)
06. Dark City (5:42)
07. Equilibrium (4:30)
08. Days Of Rage (2:17)
09. End Of Innocence (4:07)
10. Soylent Green (4:20)
11. Tragedy And Triumph (7:44)
12. Anthem (String Mix) (4:51)

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 23. Oktober 2011 um 01:06 Uhr