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James LaBrie - Static Impulse PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Bartosz Dowhan   
Montag, den 04. Oktober 2010 um 21:31 Uhr

Sänger James LaBrie hat es nicht leicht. Selbst bei hartgesottenen Fans seiner Hauptband Dream Theater steht sein Gesang häufig in der Kritik. Zudem spielt er dort beim Songwriting inzwischen keine Rolle mehr - und seine eigenen Projekte haben bislang auch wenig Beachtung gefunden. Doch nun hat der Mann, den niemand auf der Rechnung hatte, ein Meisterwerk harter Musik abgeliefert. Lest hier den Bericht zum bislang besten Metal-Album des Jahres!


"Static Impulse" ist erst das zweite Album, welches James LaBrie unter seinem eigenen Namen rausgebracht hat. Schon auf dem Erstling "Elements Of Persuasion" (2005) hat sich dieser von einer harten und metallischen Seite gezeigt - das Werk ist düster, melancholisch und die 7-Saiter stampfen brachial durch die Gegend. Leider wirkt dies nach einer Weile etwas monoton, da es weder Abwechslung beim Tempo zu verzeichnen gibt, noch eindeutige Übersongs - vom Opener Crucify und dem schön schwelgerischen Slightly Out Of Reach einmal abgesehen. Insgesamt zwar ein gutes und stilistisch auch interessantes Album (moderner US- und Schweden-Metal mit traditionellen Gesang), aber für den Metal-Olymp sicherlich zu wenig. Umso mehr überrascht das Niveau, das auf "Static Impulse" geboten wird. Dieses Album überzeugt auf voller Länge. Die Songs sind abwechslungsreich, anspruchsvoll arrangiert und instrumentiert und haben Melodien, für die andere Bands töten gehen würden. Zudem bekommt man intelligente Texte abseits der gängigen Metal-Klischees präsentiert, welche die Stimmungen der Songs - die diesmal von depressiv melancholisch, über aggressiv bis hin zu hoffnungsvoll reichen - perfekt untermalen. Dem Stil des Debüts ist James LaBrie zwar im Kern treu geblieben, doch haben er und sein Songwriting-Partner Matt Guillory dem Ganzen eine ganze Bandbreite an stilistischen Einflüssen hinzugefügt. Trotz dieser Vielfalt ist daraus ein homogenes Album entstanden, welches von vorne bis hinten rund und gut durchdacht ist - und nebenbei zahlreiche Überraschungen bereit hält. Stilistisch handelt es sich hierbei nun um eine Mischung aus US-Power-Metal, modernem schwedischen Metal a la In Flames und Soilwork, einer Prise Prog. Metal und traditionellem Heavy Metal. Darüber thront die gewaltige und gefühlvolle Stimme James LaBries. Die Intensität des Ganzen ist beeindruckend und lässt einen mehr als nur ein Mal mit runtergeklappter Kinnlade dastehen. "Static Impulse" wirkt wie James LaBries persönliches "Fuck You!" an all diejenigen, die bislang an seinem Talent gezweifelt und seine Stimme entweder für zu nölig, zu piepsig oder zu schief gehalten haben. Stilistisch hinkt der Vergleich zwar, doch es ist sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass James LaBrie mit diesem Werk sein persönliches "Painkiller" abgeliefert hat! Bleibt noch zu erläutern, wie das Ganze im Einzelnen klingt:

One More Time: Der Reigen beginnt gleich mit der ersten Überraschung (sofern man "Elements Of Persuasion" im Hinterkopf hat). In diesen etwas mehr als vier Minuten wird so ziemlich alles aufgefahren, was guten Metal ausmacht. One More Time ist hart, melodisch und abwechslungsreich. Trotz der vielen Stilelemente wirkt diese Nummer nicht wie ein chaotisch zusammengewürfelter Haufen, sondern erweist sich als einer der eingängigsten Songs des Albums.
Jekyll Or Hyde: Während beim Debüt nach dem ersten Song eine deutliche Temporeduktion stattgefunden hat, wird hier nicht mehr mit angezogener Handbremse gefahren. Das Introriff könnte auch auf einem In Flames-Album stehen (und die würden sich wohl auch wünschen, sowas geschrieben zu haben). Die eher zurückgezogene Strophe bietet genug Raum für James LaBries Stimme. Der Übergang zum Refrain wird vom Schlagzeuger Peter Wildoer gesungen, welcher auf diesem Album mit seinem brachialen Brüllen des öfteren einen Kontrast zu James LaBries klassischem Gesang bietet. Der Refrain lädt zum Kopfschütteln ein (im positiven Sinn) und geht so schnell nicht mehr aus dem Ohr.
Mislead: Man hört ein Iced Earth-Riff in Kombination mit einer Keyboardmelodie, die mit dem Wort episch wohl am besten beschrieben ist. Die Strophe klingt wieder moderner und im Refrain wird das Tempo deutlich angezogen. Der Schlagzeuger darf im Hintergrund wieder mitmischen und sorgt dafür, dass sich hieraus eine eindeutige Mitsingnummer entwickelt. Gekrönt wird Mislead von einem beeindruckenden Solo und gegen Ende von einem Element, welches man so wohl nicht erwartet hätte.
Euphoric: Ein ruhiger Beginn mit Keyboardeinsprengslern und interessantem Schlagzeugrhythmus und anschließender eher zurückhaltender Strophe. Die aufgebaute Spannung wird in einem hochmelodischen Refrain aufgelöst, der von der Intensität vergleichbar ist mit Iced Earths Watching Over Me oder Nevermores The Heartcollector.
Over The Edge: Wer gedacht hat, nach vier Ohrwürmern würde dem Album so langsam die Luft ausgehen, hat sich getäuscht. Over The Edge präsentiert uns ein Riff, welches sich auch auf einem Grave Digger-Album gut machen würde. Das Tempo ist etwas höher als vorher, man bekommt schöne Double-Bass-Passagen geboten und einen gefühlvoll vorgetragenen Refrain.
I Need You: Das Intro klingt nach Prog. Metal, bewirkt durch die leichte Akzentverschiebung zwischen Schlagzeug und Gitarre. Die Strophe hingegen ist ein geradliniger Stampfer, der allerdings wieder in einen kurzen Prog-Part aufgelöst wird. Der Refrain würde sich auch gut in eine Metalcore-Umgebung einpassen. Das Solo ist technisch und musikalisch wieder beeindruckend. Gegen Ende zieht der Härtegrad nochmal leicht an.
Who You Think I Am: In Flames lassen mal wieder grüßen. Der abgehackte Midtemposong dient James LaBrie als Aufhänger, um all seine Abscheu gegenüber seinen Kritikern loszuwerden. Der Text dürfte wohl jedem aus dem Herzen sprechen, der sich schonmal oberflächlicher Kritik ausgesetzt gesehen hat.
I Tried: Es geht wieder etwas schneller zur Sache. Das Introriff ist heavy, bietet aber wieder eine wunderbar eingängige Melodie. Die Strophe bildet mit ihren Einzelnoten einen Kontrast zum stoisch nach vorne pressenden Intro. Der Refrain reiht sich mal wieder in die Ohrwurmreihe ein.
Just Watch Me: Ein kurzer Pianobeginn, der von einem eher neumetallischen Riff abgelöst wird, aber in der Strophe wieder aufgenommen wird und ähnlich dem vorherigen Song den Gesang getragen untermalt. Der Refrain ist diesmal nicht direkt als solcher zu erkennen. Hier wird ein bißchen mehr Geduld gefordert, bis der Song zündet.
This Is War: Es wird wieder deutlich härter, der Ko-Sänger und Schlagzeuger darf sich mal wieder austoben. James LaBrie singt die Strophe eher verhalten, explodiert dafür im Refrain. Ein ruhiger Zwischenpart lockert die ganze Sache auf.
Superstar: In Flames, die Dritte. Mit dem einsetzenden Gesang endet die Ähnlichkeit mit den Schweden aber wieder. Es wird über die Vor- und Nachteile des Ruhms gesungen, ohne eine eindeutige Stellung zu beziehen. Geht wieder gut ins Ohr und bleibt auch dort.
Coming Home: Die Quotenballade. Aber eine gute! Diesmal regieren ein sphärisches Keyboard und eine Akustikgitarre. Und natürlich James LaBries gnadenlos emotionale Stimme, die den letzten Song zu einem der Höhepunkte des Albums macht.

James LaBrie hat ein unerwartetes Meisterwerk abgeliefert, welches ihm selbst seine Fans nicht zugetraut hätten - und seine Kritiker am allerwenigsten. Wer bislang nichts mit LaBrie hat anfangen können, sollte auf jeden Fall ein Ohr riskieren - Überraschungen dürften garaniert sein. "Static Impulse" ist eine beeindruckende Stilmischung, die Freunde von hartem, atmosphärischem, melodischem, modernem und traditionellem Metal vereinen könnte. Dabei ist es nicht nur gelungenen einen gewagten Stilmix vorzulegen, sondern auch erstklassige Songs zu schreiben, die zu keiner einzigen Sekunde Langeweile aufkommen lassen. Zumindest in diesem Jahr hat dies meines Erachtens nach noch keine andere Band bzw. kein anderer Künstler geschafft. Dafür gibt es verdiente zehn Punkte und den vorläufigen Titel des besten Albums des Jahres. Wobei ich nicht glaube, dass dieser Titel noch irgendwie in Gefahr sein könnte.

Anspieltipps: One More Time, Mislead, Euphoric

Wertung: 10/10

Weitere Informationen:

VÖ: 01.10.2010
Spielzeit: 50:44
Genre: Heavy Metal
Label: Inside Out
Homepage: http://www.jameslabrie.com/

Besetzung:

James LaBrie (Gesang)
Marco Sfogli (Gitarre)
Ray Riendeau (Bass)
Matt Guillory (Keyboard)
Peter Wildoer (Schlagzeug, Gesang)

Titelliste:

01. One More Time (4:16)
02. Jekyll Or Hyde (3:46)
03. Mislead (4:18)
04. Euphoric (5:09)
05. Over The Edge (4:20)
06. I Need You (4:11)
07. Who You Think I Am (3:57)
08. I Tried (3:58)
09. Just Watch Me (4:18)   
10. This Is War (4:30)
11. Superstar (3:32)
12. Coming Home (4:29)

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 04. Oktober 2010 um 21:58 Uhr