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Blind Guardian - At the edge of time PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Bartosz Dowhan   
Mittwoch, den 01. September 2010 um 20:27 Uhr

Ein echtes Orchester, ein höheres Tempo, diverse Schritte zur Seite und ein hoher Charteinstieg - das neue Album Deutschlands wohl beliebtester Metalband zeigt wieder einmal, dass Blind Guardian keine Lust auf Stagnation haben.

 

Alben von Blind Guardian sind eine etwas aufwändigere Angelegenheit. Auch die Geburt von "At The Edge Of Time" hat länger gedauert, als man es von den meisten anderen Bands gewohnt ist. Von November 2007 bis April 2010 haben sich Blind Guardian ins Studio begeben, um den Nachfolger von "A Twist In The Myth" (2006) einzuspielen. Bei den Aufnahmen wird gründlich vorgegangen: Das ganze Album wird zunächst als Demo aufgenommen, welche anschließend nochmals überarbeitet wird. Da wird z.B. am Arrangement der Instrumente und des Gesangs gefeilt, neue Riffs und/oder Melodien eingebaut und ab und zu auch mal ein ganzer Text umgeschrieben. Seit dem 1995er Album "Imaginations From The Other Side" arbeiten Hansi Kürsch und André Olbrich nach dem Prinzip, sich innerhalb eines Songs so wenig wie möglich wiederholen zu wollen - sei es nun, dass die Gesanglinien von Strophe zu Strophe variieren oder das Schlagzeug einen etwas anderen Rhythmus spielt. Solche Feinheiten benötigen Zeit und Nerven. Es zeugt aber auch von dem Willen der Band, ein besonderes Produkt entstehen zu lassen. Vier Jahre sind dabei inzwischen der übliche Zeitraum, der zwischen zwei Blind Guardian-Alben liegt - und die investierte Arbeit hört man heraus. Jedoch ist dies gleichzeitig der am häufigsten genannte Kritikpunkt an der Band. Vor allem "Nightfall in Middle-Earth" (1998) und "A Night At The Opera" (2002) gelten als überproduziert. Die bis  Mitte der 1990er Jahre vorhandene Härte der Band ist zu Gunsten von aufwändig arrangierten Chören und unzähligen Gitarrenharmonien gewichen. Beim letztgenannten Werk sind darüber hinaus noch unzählige Keyboardparts hinzugekommen, die auch für mein Empfinden die Gitarren zu sehr in den Hintergrund gedrängt haben. Auch das Tempo der Songs hat sich fast ausschließlich im Midtempobereich bewegt. Bis auf "Punishment Divine" hat es keine Kostprobe der ehemals überwiegend vorhandenen Uptemponummern gegeben. Nichtsdestoweniger steht auf "A Night At The Opera" mit And Then There Was Silence der wohl beste Song, den Blind Guardian jemals geschrieben haben. Und auch "Nightfall In Middle-Earth" gilt inzwischen als Klassiker - unabhängig von der für manche Hörer vielleicht unbefriedigenden Produktion. "A Twist In The Myth" ist nach all den Jahren der Weiterentwicklung das erste Album gewesen, an dem die Band nicht mehr weiter nach Vorne hat gehen können. Noch epischer? Noch mehr Chöre? Noch weicher? Dieser Weg ist ausgeschlossen gewesen, daher hat man sich auf alte Stärken besonnen. Die Gitarren sind wieder klar in den Vordergrund gerückt worden. Stellenweise hat dies sogar recht rumpelig geklungen. Die Keyboards sind auf die hinteren Ränge verbannt worden und die zuckersüßen Melodien sind härteren Riffs gewichen. Ist der Vorgänger eher ein Schritt zurück gewesen, so ist "At The Edge Of Time" ein Marsch in verschiedene Richtungen der bisherigen Blind Guardian-Diskographie. Die Gitarren klingen weniger rauh als auf dem Vorgänger, jedoch immer noch deutlich wahrnehmbar. Die massigen Chöre werden nicht mehr in fast jeder Songzeile benutzt, sondern untermalen nur noch die Höhepunkte der Songs. Das Keyboard ist einem echten Orchester gewichen, welches auch nicht zu jeder Zeit eingesetzt wird, sondern nur bei den epischen Nummern. In einem Punkt haben sich Blind Guardian allerdings überhaupt nicht verändert: Nach wie vor hört man Texte, die kein Mensch versteht, sofern Sänger Hansi Kürsch keinen deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl gibt. Da Blind Guardian fortlaufend Fans sammeln wie andere Leute Briefmarken, verwundert es auch nicht, dass "At The Edge Of Time" auf Platz 2 der deutschen Albumcharts eingestiegen ist - der Vorgänger hat es immerhin auch schon auf Platz 3 geschafft. Die Tendenz lässt freudiges Erahnen.
Doch nun ist genug schwadroniert, der Vorworte viele geäußert worden. Machen wir uns an die Arbeit und sehen... äh... hören wir uns die Songs an.

Sacred Worlds: Wir hören ein Orchester, welches tatsächlich nach Orchester klingt und nicht nach einer notdürftig zusammengeschusterten Keyboardproduktion, die sich vorrangig bei italienischen Powermetal-Bands großer Beliebtheit erfreut. Das Orchester fängt gemächlich an und steiert sich im Laufe des Songs stetig, jedoch ohne den Song dabei zu erdrücken. Zudem hört man keine den Gitarren gegenläufige Melodie, da das Orchester diesmal in den Dienst des Songs gestellt worden ist und nicht umgekehrt - d.h. Sacred Worlds würde auch ohne funktionieren. Wer sich das Orchester wegdenkt, wird festellen, dass diese Nummer sogar ein recht einfach arrangiertes Stück mit relativ wenigen verschiedenen Teilen ist. Auf dem Album findet man deutlich anspruchsvollere Lieder. Dennoch klingt das Ganze sehr bombastisch und komplex, inklusive Ohrwurmrefrain. Einen passenden Vergleich zu früheren Blind Guardian-Songs zu finden ist eher schwierig. Als allererstes sind mir Somewhere Far Beyond und Imaginations From The Other Side in den Kopf gekommen, wobei dieser Vergleich doch eher hinkt als aufrecht steht. Um es kurz zu machen: Sacred Worlds ist hart, ausladend und geht trotz seiner Länge von über neun Minuten direkt ins Ohr, da sämtlicher überflüssger Ballast beiseite geworfen worden ist.
Tanelorn (Into The Void): "Imaginations From The Other Side" (1995) lässt grüßen. Das Arrangement erinnert stark an I'm Alive. Der kitschige Refrain ist doch arg gewöhnungsbedürftig und in der zweiten Strophe bekommt man zunächst ein Riff geboten, welches man eher auf einem Nevermore-Album verorten würde. Danach geht es jedoch wieder in gewohnterer in Blind Guardian-Manier weiter. Die dritte Strophe klingt fast wie die erste, die Variationen sind diesmal tatsächlich sehr fein und unscheinbar ausgefallen.
Road Of No Release: Der Anfang klingt, als könne dieser Song auch auf "A Night At The Opera" stehen - allerdings auf der Queen-Version von 1976. Es stellt sich das Gefühl ein, Brian May würde an der Gitarre sitzen. Es folgt jedoch wieder ein für Blind Guardian typischer Part, der stark an Noldor (Dead Winter Reigns) vom Nightfall-Album erinnert. Der Refrain ist schön getragen und in ungefähr diesem Stil geht der Song weiter. Allerdings braucht man seine Zeit, um die doch recht komplexe Struktur zu durchschauen. Daher ist Geduld angesagt - ansonsten verpasst man eine fein erarbeitete, melancholische Nummer.
Ride Into Obsession: Wir gehen zurück ins Jahr 1992 und lauschen der "Somewhere Far Beyond". Ride Into Obsession gehört zu den lange vermissten Uptempo-Nummern, die bis zur Mitte der 1990er Jahre so typisch für diese Band gewesen sind. In der zweiten Strophe wird das Tempo kurz durch einen Stampfpart unterbrochen. Kurz vor dem Refrain verrenkt Hansi Kürsch seine Stimme in ungewohnte Gefilde, um uns anschließend in einen schnellen, mit den typischen Blind Guardian-Chören versehenen Refrain zu entlassen. Sicherlich ein Höhepunkt des Albums, welcher Freunde der schnellen Musik versöhnlich stimmen sollte. Allerdings sieht Ride Into Obsession gegen das nachfolgende Stück ziemlich blass aus...
Curse My Name: Zunächst habe ich mit dem Kopf geschüttelt... mittelalterliche Gitarren und eine vorhersehbare Gesangslinie, die schlicht der Gitarrenmelodie folgt. Beim ersten Hören klingt dies sehr klischeehaft und der Gähnfaktor meldet sich zu Wort. Dann kommt der Refrain - und der geht so schnell nicht mehr aus dem Ohr. Die Melodie dringt in einen hinein, wie ein kaltes Bier an einem heißen Sommertag - unaufhaltsam, bis zur endgültigen Befriedigung. Im Hintergrund ertönen klassische Instrumente, die eine geschmackvolle Untermalung bieten. Im Gegenzug ist die Songstruktur weniger klassisch: Nach dem ersten Refrain folgt zwar wieder eine Strophe, welche jedoch in ein ruhiges Zwischenstück mit Kanongesängen mündet. Erst danach geht es wieder mit einem Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema weiter. Ab 4:20 wird Curse My Name impulsiver, man bekommt ein Schlagzeug und E-Gitarren zu hören, die einen aus der ersten Hälfte des Albums entlassen. Noch ein kurzer Hinweis zum Teil zwischen 2:50 und 3:35: Das Pfeifen ist echt - ihr bildet es euch nicht nur ein. Dieses konstante und hochfrequente Pfeifen dürfte vor allem Leute unter 25 mit intaktem Gehör in den Wahnsinn treiben. Fragt mich aber bitte nicht, wie dies dahin gekommen ist.
Valkyries: Die Thematik ist für Blind Guardian eher ungewöhnlich, sieht man mal von ihrem Live-Kracher Valhalla ab. Der Anfang von Valkyries beginnt vielversprechend. Es ertönen Donner und Regen, eine Akustikgitarre setzt ruhig ein, Hansi singt sanfte Songzeilen bis eine verzerrte Gitarre einsetzt und das Spannungslevel nach oben schraubt. Trommelschläge kommen hinzu und bei 1:02, wenn man den Ausbruch des Songs erwartet passiert... leider nix. Valkyries stapft höhepunktlos vor sich hin. Der Refrain ist zwar mit Chören vollgestopft, die einen Gegenpol zu den ruhigen Strophen darstellen, jedoch kann dieserauch nichts mehr reißen. Ein Totalausfall...
Control The Divine: Nach zwei ruhigen Songs könnte man eigentlich wieder ein schnelleres Stück erwarten, jedoch wird diese Erwartung enttäuscht. Control The Divine ist ebenfalls ein Midtemposong, der auch gut auf "A Night At The Opera" (diesmal das von Blind Guardian) stehen könnte. In den Strophen werden verschiedene Parts aneinander gereiht, die zwar Spannung erzeugen, aber leider in einem unspektakulären Refrain aufgelöst werden. Zwar ist dies hier nicht so gähnend langweilig wie Valkyries, aber zum guten Teil des Albums gehört es leider auch nicht.
War Of The Thrones: Hier kommt das Orchester wieder zum Einsatz. Zu Beginn hört man Klavier, Streicher und Hansi Kürsch, die zusammen eine resignierende und traurige Melodie in die Welt hinausposaunen. Im Refrain wechselt die Stimmung und lässt Hoffnung aufkeimen, um diese in der anschließenden Strophe wieder leicht zu bremsen, die Unheilvolles erahnen lässt. Inzwischen hat sich auch eine Akustikgitarre dazugesellt. Im Mittelteil erklingt man imposante Chöre. War Of The Thrones lebt vom Wechsel seiner verschiedenen Stimmungen, was zunächst zu einiger Verrwirrung führt, da man meint, eigentlich zwei verschiedene Songs zu hören. Er wächst aber mit der Zeit und leitet das hervorragende Ende des Albums ein.
A Voice In The Dark: Hier haben Blind Guardian einen Gang quer durch alle ihre Uptemponummern gemacht. An der einen Stelle gibt es ein wenig Journey Through The Dark, an einer anderen hört man When Sorrow Sang und manchmal scheint auch Punishment Divine durch. A Voice In The Dark könnte auf jedem Album seit "Tales From The Twilight World" (1990) stehen. Allerdings hört man nicht nur stilistische Anspielungen auf die früheren Nummern. Blind Guardian scheinen auch ganz explizit bei sich selbst geklaut zu haben. Man Vergleiche mal den Anfang (bis 0:20) mit This Will Never End (0:13 - 0:25) vom Vorgängerwerk. Der Refrain ähnelt außerdem stark dem von Heaven Denies vom selbstbetitelten Demons & Wizards-Album - bei dem Hansi Kürsch ja auch maßgeblich für den Gesang verantwortlich ist. Auch wenn beim Schreiben der Nummer wohl auf diverse eigene Kreationen zurückgegriffen worden ist, haben Blind Guardian hiermit eine Speedmetal-Hymne geschaffen, die ihnen viele wohl nicht mehr zugetraut hätten. Dazu muss wohl nicht mehr viel gesagt werden.
Wheel Of Time: Das Album schließt mit einer 9-Minuten-Nummer, die beim ersten Hören ziemlich sperrig ist und mehr als einen Durchlauf benötigt, um sein volles Potenzial entfalten zu können. Wheel Of Time beginnt mit orientalischen Orchesterklängen, die im weiteren Verlauf einen wuchtigen metallischen Stampfpart untermalen. Nach zwei Minuten zieht das Tempo an und ein klassisches Speedmetal-Riff findet seine Vollendung in einem von Bombast geprägten Refrain mit Ohrwurmpotenzial. Ein ausgedehnter Instrumentalpart mit diversen Taktwechseln folgt, danach eine schnelle Strophe, die von lauten Chören unterbrochen wird, welche anschließend... An dieser Stelle höre ich einfach mal auf, denn eine weitere Beschreibung würde ziemlich zeitaufwendig werden, da sich hier Teil an Teil reiht, so dass man leicht den Überblick verlieren kann. Was am Anfang wie eine willkürliche Aneinanderreihung anmutet, entfaltet erst bei genauem Hinhören und mit der nötigen Geduld seine Genialität. Aber bei Blind Guardian gilt ja sowieso immer die Devise der präzisen Beschäftigung.

Allein Sacred Worlds, Curse My Name und A Voice In The Dark lohnen den Kauf dieses Albums. Blind Guardian dürften damit Songs geschrieben haben, die in ein paar Jahren sicherlich zum metallischen Kulturgut zählen werden. Der Rest des Album ist über weite Strecken gut bis sehr gut - mit Ausnahme von Valkyries und Control The Divine. Eine komplette Rückbesinnung auf alte Zeiten ist dieses Album allerdings nicht - auch wenn dies vorab häufig konstatiert worden ist. Vielmehr verbinden Blind Guardian hier alle wichtigen Aspekte ihrer bisherigen Entwicklung in einem Album. Gerade deswegenm hört sich "At The Edge Of Time" gleichzeitig frisch, aber auch reif an und bietet Abwechslung auf hohem Niveua. Wenn da nicht die zwei o.g. Songs wären, die den Fluss leider etwas stören - und das viel zu steril klingende Schlagzeug, welches etwas mehr Wärme vertragen könnte... Ohne dies wären sicher mehr als 8 von 10 Punkten drin. Nicht vergessen werden sollte vor allem die Aufmachung der Special-Edition, welche mit Faltcover und einer zweiten CD daherkommt, auf der sich Demos, alternative Versionen und zwei Videos befinden (die ich irgendwie nicht abspielen kann...). Optisch also mal wieder ein Genuss!

Anspieltipps: Sacred Worlds, Curse My Name, A Voice In The Dark

Wertung: 8/10

Weitere Informationen:

VÖ: 30.07.2010
Spielzeit: 63:54
Genre: Heavy Metal (+ Elemente aus vielen anderen Metal-Spielarten)
Label: Nuclear Blast
Homepage: http://www.blind-guardian.com/

Besetzung:

Hansi Kürsch (Gesang)
André Olbrich (Gitarre)
Marcus Siepen (Gitarre)
Frederik Ehmke (Schlagzeug, Flöte, Dudelsack)

Titelliste:

01. Sacred Worlds (9:19)
02. Tanelorn (Into The Void) (5:58)
03. Road Of No Release (6:30)
04. Ride Into Obsession (4:47)
05. Curse My Name (5:49)
06. Valkryies (6:34)
07. Control The Divine (5:25)
08. War Of The Thrones (4:55)
09. A Voice In The Dark (5:41)
10. Wheel Of Time (8:56)

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 02. September 2010 um 09:16 Uhr