Vier Jahre hat es gedauert, bis Iron Maiden neues musikalisches Material geliefert haben. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob der Albumtitel Programm ist und wir hiermit das allerletzte Maiden-Studioalbum in den Händen halten. Vorneweg: Ein würdiger Abschluss der Bandgeschichte wäre es zumindest. Doch ist an den Spekulationen tatsächlich irgendwas dran?
Die eindeutigste Antwort auf diese Frage lautet: Man weiß es nicht. Weder die Fans noch die Band selbst wissen, ob es in Zukunft noch mehr Maiden-Material geben wird. Deren Schlagzeuger Nicko McBrain hat sich folgendermaßen zum Ruhestand geäußert: "Ich weiß nicht, wie lange ich noch fit bin und weiter rocken kann" (Metal Hammer 08/10, S. 33). Iron Maiden werden schließlich auch nicht jünger. Sänger Bruce Dickinson sieht dies ähnlich: "Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht, ob wir noch ein Album machen werden [...]. Wir waren bislang noch nie an diesem Punkt, das ist unbekanntes Terrain für uns" (Metal Hammer 08/10, S. 35). Man wird also einfach abwarten müssen, wie sich die musikalische - und gesundheitliche - Zukunft der Band entwickeln wird. Aktuell erfreuen uns Maiden mit einem Album, welches ich persönlich so nicht von der Band erwartet hätte. Zugegeben: Nach "A Matter Of Life And Death" bin ich eher skeptisch gewesen. Das 2006er Album ist mir zu sperrig und zu unzugänglich gewesen, auch wenn Maiden mit den Songs Different Worlds, The Longest Day und For The Greater Good Of God wohl drei neue Klassiker produziert haben. Allerdings hatte das ganze, absichtlich auf Prog getrimmte Album leider auch einige weniger schön anmutende Passagen, die einiges in die Länge gezogen und somit auch Langeweile verbreitet haben. Dahingegen klingt The Final Frontier wie eine abgespeckte und deutlich eingängigere Version des Vorgängers - ohne dabei auf diverse progressive Teile zu verzichten. Doch jetzt erstmal der Reihe nach:
Satellite 15... The Final Frontier: Da bin ich dann doch kurz entsetzt gewesen. Das vierminütige Intro (Song kann man das nun wirklich nicht nennen...) ist ziemlich grauenhaft - bizarre Töne, schäbbige Melodien und ein schiefer Bruce Dickinson. Eigentlich sollte ich ja versuchen irgendwie den Anschein einer objektiven Bewertung aufrecht zu erhalten... aber an dieser Stelle möchte ich ehrlich gesagt nicht weiter über das Intro reden, sondern gleich zum zweiten Teil des Songs kommen. Dieser klingt deutlich besser und vor allem: er klingt eindeutig nach Maiden. Zwar auch kein Überflieger, aber doch recht knackig auf den Punkt gebracht, erinnert mich dieser Teil an eine ruhige Version von From Here To Eternity vom 1992er Album "Fear Of The Dark". Inhaltlich wird das schon auf dem Cover erkennbare Science-Fiction-Motiv aufgenommen. Leider sind Intro und Song nicht voneinander getrennt, so dass man die ersten vier Minuten mehr oder weniger mit ertragen muss... El Dorado: Mit der Suche nach dem südamerikanischen Land voller Gold, welches viele Opfer unter den damaligen Konquistadoren gefordert hat, wird der Albumtitel auf historische Geschehnisse abgewandelt. Auch wenn der Song alle typischen Maiden-Elemente Aufweist, klingt er doch irgendwie atypisch - die etwas ungewöhnliche Melodie dürfte dazu einen Großteil beitragen. Dennoch einer der starken Songs des Albums, welcher jedoch eine gewisse Zeit zum wachsen braucht. Einziges Manko: Der Gesang ist leider sehr leise abgemischt. Mother Of Mercy: Krieg ist ein relativ oft gewähltes Thema bei Maiden, so auch hier. Mother Of Mercy beginnt vielverspechend. Der ruhige Anfang baut Spannng auf, die jedoch nicht wirklich aufgelöst wird. Der Rest ist relativ unspektakulär, ohne einen eindeutigen Höhepunkt zu liefern. Einzig der Refrain bleibt im Ohr hängen - dies aber, weil er eher gewollt als gekonnt klingt. Coming Home: Die Ballade des Albums (bitte nicht zu eng sehen). Thematisch wird eine Brücke zu Wasted Years vom 1986er Werk "Somewhere In Time" geschlagen - es geht um das Leben auf Tour und die Rückkehr in die Heimat. Auch wenn zum größten Teil verzerrte Gitarren zu hören sind, ist Coming Home der Ruhepunkt des Albums. Zurücklehnen und in Erinnerungen schwelgen. Glücklicherweise schaffen es Maiden, dabei völlig unpathetisch zu klingen und dennoch eine melancholische Stimmung rüberzubringen. The Alchemist: Kontrastprogramm. Hier haben wir einen Song, der auch gut auf den ersten beiden Maiden-Alben hätte stehen können. Schnell, geradlinig, einprägsam. Erinnerungen an die 80er werden wach, als Maiden noch eine handvoll solcher Songs auf jedem Album hatten - und ein Beweis dafür, dass Maiden nicht nur episch können.
Die ersten fünf Songs sind nun rum - und damit auch die fünf geradlinigsten. Die letzten fünf Songs könnten dahingegen auch auf "A Matter Of Life And Death" stehen. Alle sind relativ komplex strukturiert und überlang - zwischen 7:48 und 11:01 Minuten. Erstaunlicherweise gehen aber alle fünf Songs sofort ins Ohr. Eigentlich ein Effekt, den man bei den einfacheren Songs eher erwartet hätte.
Isle Of Avalon: Willkommen bei "Maiden that sounds like other Maiden, part 1". Das Anfangsriff hat extreme Ähnlichkeiten zum Anfang von The Number Of The Beast (auf welchem Album das drauf ist, schreibe ich jetzt nicht...). Bruce Dickinson singt anfangs relativ ruhig, mit Einsetzen der verzerrten Gitarren wird auch er lauter und der Spannungsbogen steigt an bis nach 2:50 Minuten die erste Ohrwurmmelodie erklingt und der Songs ordentlich nach vorne geht. In der Mitte gibt's einen ausgedehnten Instrumentalpart, das letzte Drittel beginnt wieder ähnlich ruhig wie der Anfang. Die letzten zwei Minuten gehen dann wieder gut nach vorne. Nach etwas über neun Minuten ist der bislang stärkste Song des Albums vorbei. Starblind: Auch hier ist der Anfang ähnlich ruhig wie bei Isle of Avalon. Danach folgt ein Part mit ungewöhnlicher Betonung durch das Schlagzeug. Klingt sehr cool und polyrhythmisch, ist aber in Wirlichkeit auch nur ein 4/4-Takt (in Ruhe mitzählen, dann merkt man es). Der Refrain hingegen ist eher breit und getragen. Die wohl düsterste Nummer des Albums. The Talisman: "Maiden that sounds like other Maiden, part 2". Der Anfang erinnert doch sehr stark an den Anfang von The Legacy vom Vorgängeralbum. Nichtsdestoweniger haben wir es hier mit dem wohl besten Song des Albums zu tun. Die ersten zwei Minuten muten balladesk an, die danach folgenden sechseinhalb Minuten drücken ordentlich nach vorne - hart, schnell und melodiös. Es fällt auf, dass diese Nummer zwar keinen richtigen Refrain besitzt, sich dafür aber gute Melodien abwechseln. Da stört es auch nicht weiter, dass Teile der Melodien nach einer Mischung aus These Colors Don't Run und The Longest Day (vom Vorgängeralbum) klingen. Inhaltlich geht es um die Atlantiküberfahrt englischer Auswanderer nach Amerika (man beachte mal wieder den Albumtitel). Der Text ist unglaublich dramatisch und mitreißend und schafft es, das Gefühl zu erzeugen, man könne sich in die Lage der damaligen Auswanderer hineinversetzen. The Man Who Would Be King: Der Aufbau dieser Nummer ist ähnlich der von The Talisman - ruhiger Anfang, danach zieht das Tempo an. Auch hier sind die Melodien sehr gelungen. Der Übergang zum Refrain drückt dann nochmal ordentlich, um sich dann in einer einprägsamen Gesangslinie zu entladen. Danach folgt ein Schlagzeugspiel, welches man eher auf Nirvana-Alben vermuten würde. Klingt relativ ungewöhnlich für Maiden und sorgt dafür, dass das darunterliegende Solo nicht wirklich wahrgenommen wird. Danach folgt ein zeimlich abrupter Übergang in einen melodiöses Zwischenspiel, welches wieder in Strophe und Refrain führt. Am Ende gibt es einen gemächlichen Ausklang. When The Wild Wind Blows: Lieder über den Weltuntergang sind in der Metalszene scheinbar fröhliche Angelegenheiten - man denke da mal an Armageddon von Gamma Ray. Und auch bei Maiden geht die Welt eher gut gelaunt unter, sofern man die Melodie zugrunde legt. Der Text ist dabei eher weniger fröhlich. Die ersten dreieinhalb Minuten haben ungeheuren Ohrwurmfaktor. Danach schlägt der Song um und wird von der Stimmung her etwas dramatischer. Ein ausgedehnter Instrumentalpart folgt, bis bei 6:40 ein Stampfpart ertönt und der Gesang wieder einsetzt. Am Ende erklingt wieder die eher fröhliche Melodie vom Anfang - schließlich ist der Atomkrieg ja abgewendet worden. Trotz seiner Länger von elf Minuten geht der Song gut ins Ohr, ist nicht zu vertrackt und hat wieder einen mitreißenden Text. Zusammen mit The Talisman die beste Nummer des Albums.
Was bleibt nun als Fazit zu sagen? Eine sehr nette erste Hälfte mit der Tendenz nach oben (mal abgesehen vom Intro und Mother Of Mercy) und eine bärenstarke zweite Hälfte, die wohl alles vereint, was den epischen Anteil an Iron Maiden ausmacht. Allein dafür lohnt sich der Kauf dieses Albums. Sollte dies tatsächlich das letzte Maiden-Album sein, dann wäre es ein würdiger Abschied. Trotz der sehr guten Musik bleiben noch zwei Kritikpunkte anzumerken: 1. Das Covermotiv. Von Maiden ist man deutlich besseres gewohnt. Man vergleiche dieses Cover z.B. mit dem der "Brave New World". Da liegen Welten zwischen. Das Design der Special Edition ist ebenfalls eher schäbbig geraten - eine lieblos aussehende "Metallbox", die den Eindruck erweckt, als würde sie bei jeder Berührung auseinanderfallen... ich kann da nur empfhelen zur normalen Version zu greifen. 2. Kevin Shirley. Er hat alle Alben seit der Reunion produziert und alle klingen irgendwie dumpf und matschig. Man hört kaum raus, dass bei Maiden drei Gitarristen am Werk sind. Das Schlagzeug verrichtet seine Arbeit auch eher im Hintergrund. Zwar klingt der ganze Sound rauher und aggressiver, aber das Gelbe vom Ei ist das nicht. Immerhin weiß die Musik dieses Manko zu überdecken - und ich hätte nichts dagegen, wenn es in 2 - 4 Jahren wieder ein ähnliches Album geben würde.
Anspieltipps: The Talisman, When The Wild Wind Blows
Wertung: 8/10
Weitere Informationen:
VÖ: 13.08.2010 Spielzeit: 76:35 Genre: Heavy Metal Label: EMI Homepage: www.ironmaiden.com
Besetzung:
Bruce Dickinson (Gesang) Adrian Smith (Gitarre) Dave Murray (Gitarre) Janick Gers (Gitarre) Steve Harris (Bass) Nicko McBrain (Schlagzeug)
Titelliste:
01. Satellite 15... The Final Frontier (8:40) 02. El Dorado (6:48) 03. Mother Of Mercy (5:20) 04. Coming Home (5:52) 05. The Alchemist (4:29) 06. Isle Of Avalon (9:06) 07. Starblind (7:48) 08. The Talisman (9:03) 09. The Man Who Would Be King (8:28) 10. When The Wild Wind Blows (11:01)
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