| Iced Earth - The Glorious Burden |
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| Geschrieben von: Philipp Klein |
| Donnerstag, den 08. Juli 2010 um 23:44 Uhr |
Barlow raus, Owens rein, Strom an. Vorhang auf zur Geschichtsstunde.
Alben können reifen. Das ist keine neue Erkenntnis und dürfte vielen Musikfans schon widerfahren sein. Dass sie allerdings so lange brauchen können, wie das bei mir mit Iced Earths erster Post-Barlow Veröffentlichung der Fall war, war eher nicht zu vermuten. Hätte mich jemand vor wenigen Monaten noch gefragt, wie ich "The Glourious Burden" innerhalb der Iced Earth Diskographie einschätze, wäre die Antwort sicherlich eine andere gewesen als heute. Dass die Platte die bessere der beiden Ripper-Alben ist und auch von den bisherigen Nachfolgern nicht mehr getoppt wurde, war mir seit jeher klar. Trotzdem hatte das Album, in seiner Gänze, keinen guten Stand bei mir und beim Vergleich mit dem direkten Vorgänger und damaligen Barlow-Abgang "Horror Show" hätte ich mich vermutlich für die Platte mit Matt als Hauptsänger entschieden. Heute sieht das jedoch alles anders aus, aber der Reihe nach.
"The Glorios Burden" machte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gleich durch mehrere Punkte von sich reden. Zum einen ist da natürlich der bereits erwähnt Abgang von Matthew Barlow der von vielen als DER Sänger für Iced Earth gesehen wird und auch von vielen zur Creme-de-la-Creme im Power Metal gerechnet wird. Umso gigantischer der Paukenschlag, als klar wird, dass Schaffer diesen Liebling der Massen durch jemanden ersetzt, der selbst eine Art kleine Legende in der Szene sein dürfte. Schließlich ist Tim "Ripper" Owens dem Volke als Ersatzmann für Rob Halford bei Judas Priest in Erinnerung. Wie man heute weiß, Geschichte wiederholt sich, und der Ripper hat sich wieder das falsche Paar Schuhe zum reinschlüpfen gewählt. Konnte ich mit seinem Gesang damals noch gar nichts anfangen, habe ich persönlich seine Qualitäten mittlerweile etwas zu schätzen gelernt. Ich muss jedoch fragen, warum der Mann immer wieder zielstrebig in eine Band zu streben versucht, die vorher bereits einen großen Namen auf der Gesangsposition hatte. So muss sich Owens stets an anderen Messen lassen, weshalb seine eigenen Stärken zuweilen untergehen und stets versucht wird, festzustellen, ob ein Halford oder Barlow dieses oder jenes nicht doch besser gemacht hat. Wie auch immer, Owens hat "The Glorious Burden" eingesungen und das auch gar nicht mal schlecht, wie ich heute feststellen muss. Trotzdem kommt es einem als Barlow-Jünger zuweilen verstörend vor, wenn man seinen Helden im Chor noch zu vernehmen meint, es wurden nämlich einige der, zum Zeitpunkt des Ausstiegs bereits bestehenden, Barlow-Tonspuren noch für das Album verwendet. Der zweite große Aufreger um das Album waren die Texte. "The Glorious Burden" ist ein Konzeptalbum um historische Kriege. Vor allem die ausgewählten Stücke, die sich mit den Kriegen der Amerikaner beschäftigen, stießen, zumindest in Europa, teilweise auf blanke Ablehnung. Ich kann die Kritik in Ansätzen nachvollziehen, jedoch nicht teilen. Dass viele Amerikaner relativ patriotisch zu Werke gehen ist nichts neues und Schaffer zieht nun wirklich nicht SO schlimm vom Leder, wenn sich auch einiges schwer Verdauliche untergeschlichen hat. Vermutlich wohlweißlich, unterscheiden sich auch die Playlists der unterschiedlichen erhältlichen Versionen des Albums. Die europäische Version verzichtet auf das Intro mit The Star-Spangled Banner, allen als Nationalhymne der Vereinigten Staaten bekannt, und auch auf den Song Greenface, der sich wohl um das Handwerk eines Soldaten (Marines?) dreht. Im Gegenzug wurde der normalen amerikanischen Version das Schlachtenepos Waterloo vorenthalten.
Rein musikalisch muss man sagen, dass Europa die besseren Karten gezogen hat. Bewegt sich Waterloo musikalisch doch in recht guten Sphären, während Greenface unter dem Durchschnitt des übrigen Materials angesiedelt ist. Die einzige Albumfassung, die alles verfügbare Material enthält, ist die limitierte Auflage, die auch gleich so randvoll gepackt wurde, dass eine zweite CD zum Transport herangezogen wurde. Die übrige Musik ist streckenweise durchaus gelungen. Einziger Wermutstropfen dürfte die furchtbar schmalzige Ballade When The Eagle Cries, entstanden in den Nachwehen des 11. September, sein. Die "glücklichen" Besitzer der limitierten Fassung werden am Ende der ersten CD sogar noch ein zweites Mal gequält, weil Jon Schaffer es sich nicht nehmen lies, noch eine unplugged Version beizusteuern. Zum Glück ist der Song der einzige wirkliche Ausfall, den sich die Band hier erlaubt. Der Rest der Stücke reicht von "ganz nett", wie bei Hollow Man, über ordentlich, Red Baron/Blue Max mit einigen ziemlich krassen Gesangseinlagen von Meister Owens bis zu überwiegend gut, hier seien vor allem Attila, Valley Forge, Declaration Day und The Reckoning (Don't Tread On Me) genannt.
Doch Jon Schaffer verschießt sein Pulver erst bei den drei letzten Stücken mit vollen Kanonen. Der Abschluss des Albums, bei der limitierten Version auf einer eigenen CD, ist die Gettysburg (1863)-Trilogie. Wie der Name erahnen lässt, dreht sich dieses mehr als halbstündige Epos um die berühmte Schlacht im Rahmen des amerikanischen Bürgerkrieges. Auch, wenn mich die historischen und emotionalen Komponenten als Europäer eher weniger zu packen wissen, ich muss meinen Hut ziehen. Das hier Dargebotene ist wirklich großartig. So gut war Schaffer auch während der früheren Glanzzeiten längst nicht immer und ob er dieses Niveau jemals wieder erreichen wird, bleibt zu bezweifeln. Als bekannt wurde, dass Jon Schaffer sich für die Trilogie die Unterstützung des Prager Philharmonie Orchester gesichert hat, war ich mehr als skeptisch. Aber hier versteht der Herr es meisterlich, das Orchester als unterstützendes und unterstreichendes Element in die Musik einzubauen. Kein verkrampftes pseudo-klassisches Songwriting, sondern perfektionierte Integration in die vorhandenen Liedstrukturen, da dürfen sich einige andere Komponisten der Szene durchaus noch etwas abschauen. Zudem funktioniert hier endlich auch einmal die europäische Epik, die seit "Horror Show" zunehmend Einzug in den Bandsound gefunden hat. Ich selbst habe die "Europäisierung" der Band oft kritisiert und bemängelt, dass die alte amerikanische Härte abhanden gekommen ist, wenn das Resultat jedoch immer so überzeugend daherkommen würde, wie bei diesen drei Liedern, ich würde alles zurücknehmen. Auch Tim Owens weiß hier vollauf zu überzeugen und im dritten Song, High Water Mark, greift sogar Jon Schaffer selbst einmal zum Mikro und bietet mit Owens eine Art Dialog zwischen Südstaaten General Lee und einem seiner Untergebenen (evtl. Generalleutnant Longstreet? (ein Südstaaten-Offizier der Lees Einschätzung der Situation nicht teilte und nur zögernd in die Schlacht eingriff)). Der erste Song, The Devil To Pay, wird zudem stilistisch schön mit einer Mischung verschiedener Hymnen und Musikstücke begonnen (The Star-Spangled Banner, Dixie, When Johnny Comes Marching Home). Die finale Schlacht in High Water Mark wird schließlich noch von Schlachtengeschrei und Kanonenschüssen untermalt. Alles in allem präsentiert die Band dem Hörer hier ein perfektes Schlachtengemälde mit hohem Unterhaltungswert und auch einigen historischen Fußnoten, die den interessierten Hörer durchaus zu eigenen Recherchen ermutigen könnten. Dazu passt auch das sehr schön gestaltete Booklet mit einigen Kommentaren von Jon Schaffer zum amerikanischen Bürgerkrieg und seiner Intention bei der Kreation der Musik. Alles in allem geht das Album somit mit einem Knall zu Ende, der bis heute in der gesamten Power Metal Sparte recht einzigartig sein dürfte.
Bleibt die finale Frage, wie das Album nun zu bewerten ist. Ich muss zugeben, dass das Album bei mir lange Zeit auf eine Knappe siebener Note abonniert war, und dies auch nur unter Berücktsichtigung der durchgehend mit 10 zu benotenden Abschlusstrilogie. Heute muss ich dann doch zugeben, dass "The Glorious Burden" sich, vor allem vor seinem direkten Vorgänger, nicht zu verstecken braucht. Zwar ist man, alles in allem, von solchen durchgehend großen Alben wie "The Dark Saga" und "Night Of The Stormrider" noch weit entfernt, acht Punkte sind aber dennoch angebracht, selbst mit einem beinahe Totalausfall. Es sei jedoch noch erwähnt, dass die Trilogie alleine mit 10 Punkten in die Wertung eingeht, die qualitative Streuung also durchaus signifikant ist. Dessen ungeachtet das letzte, bis dato, wirklich zu empfehlende Iced Earth Album.
Anspieltipps: The Devil To Pay, Hold At All Cost, High Water Mark, Attila, The Reckoning, Valley Forge, Declaration Day Wertung: 8/10
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| Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 09. Juli 2010 um 18:18 Uhr |





