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Cynic - Traced In Air PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Philipp Klein   
Sonntag, den 14. März 2010 um 19:10 Uhr

Sphärischer Prog mit Death Metal Wurzeln aus den USA. Cynic katapultieren sich aus dem Stand nach 15 Jahren Pause wieder an die Speerspitze des Avant-Garde-Metal.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass viele der heutigen progressiven Metal-Veröffentlichungen, die ihrem Namen wirklich noch gerecht werden und sich in den Randgebieten unserer Musik bewegen, aus dem Dunstkreis der ehemaligen "Krachmacher"-Fraktionen kommen. Zum einen sind da natürlich die unzähligen Vertreter der norwegischen Zunft, die in den neunzigern dem Black Metal zu seiner Blüte verhalfen. Seien es nun der Emperor-Fronter Ihsahn mit seinem Soloprojekt oder Krystoffer "Garm" Rygg, der sich mit Ulver und der Allstar-Gruppe Arcturus, zusammen mit Mayhems Jan Axel "Hellhammer" Bloomberg, einen Namen machte, man kann sich drauf verlassen, dass interessante Musik heraus kommt. Doch auch auf der anderen Seite des großen Teiches gibt es einige Musiker, die sich aus der Gleichförmigkeit ihres Stammgenres erheben und die Musikwelt mit interessanten Alben bereichern. Ein nicht unerheblicher Anteil fällt hier den ehemaligen Death-Mitstreitern des leider viel zu früh verschiedenen Metal-Genies Chuck Schuldiner zu. Die beiden Cynic-Schöpfer Paul Masdival und Sean Reinert gehörten zum Death Line-Up unter dessen Regie das bahnbrechende Progressive Death Metal Album "Human" entstand.  Zwei Jahre später, nach einigen vorhergehenden Demos, erschien dann, das bisher einzige, Cynic Album "Focus", dass in der Szene gleich ein dickes Ausrufezeichen setzte. Masdival und Reinert präsentierten verschnörkelten Death Metal mit Jazz-Einflüssen der unter anderem dadurch auffiel, dass neben den genreüblichen Growls ausgiebig mit verzerrtem Klargesang gearbeitet wurde. Die Vocoder-verzerrten Stimmen wurden somit zu einem Aushängeschild, verschwanden jedoch ebenso schnell wieder, wie sie auftauchten, da Cynic nach dem Debut auf Eis gelegt wurden und Masdival und Reinert sich vollständig aus dem Metal zurückzogen und dem progressiven Rock widmeten.

Dann ging es Schlag auf Schlag. 2007 wurde die Wiedervereinigung der Band bekannt und im Winter 2008 folgte schließlich das neue Werk "Traced In Air". Noch ein wenig kürzer als die mit 37 Minuten ohnehin schon kurz geratene "Focus", aber auch diese neue gute halbe Stunde Songmaterial bringt mehr Ideen und Begeisterung mit, als fast alles, was ich aus diesem Musikbereich sonst kenne. Die Unterschiede zum Debut sind sehr deutlich zu hören, die Soundqualität hat sich um ein vielfaches verbessert, der Death Metal Einfluss wurde deutlich heruntergefahren und die Musik durch viele sphärische Klangteppiche erweitert. Dazu kommt, dass die hohen Vocoder-Gesänge nun die Hauptmenge des Gesangs einnehmen, während die Growls, von Neu-Gitarrist Tymon, eine Art von Hintergrund-Gesang beisteuern, der als wunderbarer Kontrast zu Masdivals-Roboterstimme dient. Das Hörerlebnis von "Traced In Air" lässt sich am besten als ein, gut vierunddreißigminütiger, Rausch der Sinne beschrieben. Vielleicht sollte man für einen Eindruck des gehörten, auch einfach auf das Coverartwork der CD verweisen. Selten habe ich es erlebt, dass ein Bild den musikalischen Inhalt des zugehörigen Werkes so perfekt ausdrückt, wie in diesem Fall.
Die Platte beginnt mit einer Art leisen "Kakophonie", aus der sich im Verlauf des Intros die ersten träumerischen Klangerlebnisse schälen, bevor der Hörer im Opener von Paul Masdivals Stimme geradezu behutsam an die Hand genommen wird, nur um kurze Zeit später bereits dem ersten Sturm aus Tönen und Emotionen ausgesetzt zu werden. Schon die ersten fünf Minuten des Albums zeigen ganz klar, dass Leute ohne Sinn für Prog oder reine Death Metal Fans hier keinen Fang machen werden. Das Album pendelt in seinem Verlauf ständig zwischen extrem entspannten, fast schon hypnotisierenden, Ruhepolen und immer wiederkehrenden aggressiven Ausbrüchen der einzelnen Instrumente, oft unterstrichen durch Tymons Fauchen im Hintergrund. Was hier an Bass, Gitarre und auch und vor allem am Schlagzeug geboten wird ist zum Teil schon fast wahnwitzig, ohne jedoch jemals die Songstruktur aus den Augen zu verlieren, jede Demonstration der künstlerischen Fähigkeiten offenbart immer einen Sinn im Liedkontext, von Egotrips keine Spur. Obwohl das Album aus in sich geschlossenen Stücken besteht, ist die Hörerfahrung am intensivsten, wenn man der Musik immer am Stück von Anfang bis Ende lauscht, insofern spare ich es mir auch, einzelne Lieder zu beschreiben, abgesehen von Nunc Fluens und Nunc Stands, die als Intro und Outro fungieren kann man auch jeden Song bedenkenlos zum Probehören empfehlen, wobei Integral Birth die verschiedenen Facetten des Albums eventuell am stärksten herausarbeiten kann.

Was bleibt ist eines der, für mich, stärksten Alben der letzten Dekade, das niemals langweilig wird und den Hörer mit seiner positiven Energie jedes mal von Neuem in seinen Bann ziehen kann. Sicher wird das Album auch polarisieren, zum einen ist nicht garantiert, dass die Fans des Debuts den von Cynic eingeschlagenen Weg bedenkenlos mitgehen werden. Man merkt den Musikern ihre Death Metal Wurzeln zwar noch an, aber das Gebotene passt mittlerweile in keine bekannte Schublade mehr. Dann ist da noch die Vocoder-Stimme von Paul Masdival, mit der sich auch sicher nicht jeder anfreunden kann, die dem Material aber noch einen weiteren gehörigen Schuss Selbstständigkeit verleiht.
Letztendlich muss jeder selbst Entscheiden, ob er sich in diesem Grenzgebiet heimisch fühlt. Für mich ist das Album ein Instant-Klassiker.


Anspieltipps: Integral Birth oder beliebig, ausser Nunc Fluens und Nunc Stans

Wertung:
10/10

 

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Weitere Informationen:

VÖ: 17. 11. 2008
Spielzeit: 34:11
Genre: Progressive Metal
Label: Season of Mist
Homepage: http://www.cynicalsphere.com

Besetzung:
Paul Masdival - Gesang, Gitarre, Gitarrensynthesizer
Tymon Kruidenier - Gitarre, Gesang
Sean Malone - Bass, Chapman Stick
Sean Reinert - Schlagzeug

Titelliste:
01. Nunc Fluens (2:56)
02. The Space For This (5:46)
03. Evolutionary Sleeper (3:35)
04. Integral Birth (3:52)
05. The Unknown Guest (4:13)
06. Adam's Murmur (3:29)
07. King Of Those Who Know (6:08)
08. Nunc Stans (4:12)


Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 14. März 2010 um 22:27 Uhr