Jetzt online

Wir haben 4 Gäste online

Nächste Veranstaltungen

 
Iced Earth - The Crucible Of Man (Something Wicked Part 2) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Philipp Klein   
Sonntag, den 22. November 2009 um 14:52 Uhr

Das zweite Album zu Jon Schaffers altbekannter "Something Wicked"-Storyline bringt Songmaterial aus der Writingsession des durchwachsenen Vorgängers, dafür aber Publikumsliebling und Sangeswunder Matt Barlow zurück ans Mikro. Quo vadis Iced Earth?

Es ist passiert. Iced Earth haben ihr erstes wirklich von vorne bis hinten durchschnittliches Album veröffentlicht. Natürlich muss man Chefgitarrist und Songwriter Jon Schaffer immernoch attestieren, dass er das, was er tut, professionell verpackt und sich in Sachen Produktion und Spiel nicht lumpen lässt. Aber ganz ehrlich, mit vergangenen Großtaten, die es beginnend vom Debut bis einschließlich dem ursprünglichen "Something Wicked"-Album ja quasi ausschließlich zu genießen gab, hat der jüngste Output nicht mehr viel zu tun.
Schon faszinierend, wie langweilig meine (einstige?) Lieblingsband klingen kann, obwohl keines der Trademarks vollständig über Bord geworfen wurde. Bereits der Vorgänger hatte nur noch sporadisch große Momente zu bieten, enthielt aber mit Ten Thousand Strong wenigstens einen veritablen Ohrwurm, eine Eigenschaft, die dem neuen Material leider größtenteils abgeht. Nachdem der Ripper-Vorgänger Matthew Barlow, der immernoch mit Fug und Recht das Prädikat "mein persönlicher Lieblingssänger" trägt, vor zwei Jahren überraschend von Jon Schaffer, wenn auch unter unangenehmen Umständen, Tim Owens wurde scheinbar vorher nicht informiert, in seinen alten Posten zurückgehievt wurde, dürfte sich nicht nur bei mir eine gewisse Erwartungshaltung aufgebaut haben. Natürlich war klar, dass nicht von heute auf morgen alles besser werden würde, zumal das Material zu "Framing Armageddon" und "The Crucible Of Man" scheinbar zeitgleich entstanden ist, doch die Rechnung "weniger gutes Material + Matt Barlow > weniger gutes Material + Ripper Owens" dürfte nicht nur bei mir im Kopf abgelaufen sein.
Schon das letzte Barlow-Album "Horror Show" hatte mit einigen, ich nenne es mal, "langen" Momenten und einer fortschreitenden "Europäisierung" des Sounds zu kämpfen. Die beiden zwischenzeitlichen Ripper-Alben "The Glorious Burden" und das erwähnte "Framing Armageddon (Something Wicked Part 1)" offenbarten in der Folge eine steigende Inspirationslosigkeit im Songwriting. Immerhin reichte es beim erstgenannten noch zu der fulminanten Gettysburg-Abschlusstrilogie, die die meisten Schwächen der davorliegenden Songs noch übertünchen konnte und sogar deutlich stärker war als sämtliches "Horror Show"-Material.

Das nun vorliegende aktuelle Album "The Crucible Of Man" muss sich nun leider den Vorwurf gefallen lassen, dass man die großen Momente mit der Lupe suchen muss. Zwar ist bei jedem Song meist direkt klar, wer einem da die Riffs vorsetzt, trotzdem will sich keine wirkliche Freude einstellen, alles wirkt als hätte man es so schonmal gehört und die vereinzelten wirklich gelungenen Parts fügen sich zu selten zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde, für die meisten 08/15-Bands würde es sich um ein respektables Paket handeln, aber eine Band mit dieser Vergangenheit sollte für mehr gut sein. Eines der Hauptprobleme in meinen Augen ist die fehlende Aggression der Stücke, das meiste spielt sich im Midtempo ab und die typischen, und ziemlich einzigartigen, Schafferschen Riffattacken kommen nunmehr viel zu selten vor. Zudem kommen einem so oft Versatzstücke der ursprünglichen Something-Wicked-Songtrilogie unter, dass man oft das Gefühl hat, als würden Iced Earth sich selbst covern, dabei jedoch die eigene Magie unter den Teppich fallen lassen. Zugegeben hatte auch die Vorgängerplatte schon mit derartigen Problemen zu kämpfen.
Bleibt die Frage, was für positive Dinge das Album einem beschert. Die Liste ist kurz. Die offensichtlichste Verbesserung ist der Gesang. Ich bin zugegeben kein großer Freund von Tim Owens Organ, auch wenn ich von seiner Live-Performance beeindruckt war. Matt Barlow ist einfach DER Mann für Iced Earth, vor allem die bei ihm ständig vorhandene melancholische Schwere geht dem Ripper größtenteils ab. Gut, dass zumindest dieser Aspekt des Bandsounds nun wieder zu hören ist. Generell kann man Matt Barlow keinen Vorwurf am Endprodukt machen, seine Darbietung ist, wie üblich, tadellos und er reizt seine stimmlichen Möglichkeiten wieder in breitem Maße aus. So schafft er auch prompt den größten Aha-Effekt der Platte, als beim dritten Song Minions Of The Watch mal einige ungewohnte Töne angeschlagen werden. Zwar ist sein langsamer, stellenweise leiernder Sprechgesang sicher kein Beispiel für feinste Sangeskunst, bringt aber immerhin etwas Abwechslung in die vorherrschende musikalische Monotonie. Die musikalisch erwähnenswerten Momente tauchen das erste Mal beim siebten Stück The Dimension Gauntlet auf, das endlich mal mit etwas mehr Karacho aus den Boxen knallt, jedoch relativ schnell wieder versandet. Immerhin schafft es Schaffer hier den vorherrschenden Sound, zumindest kurzfristig, zu durchbrechen und beim Alt-Fan kurzzeitig einen kleinen Funken Hoffnung zu entfachen. Leider begeben sich die folgenden Songs dann zunächst wieder zurück auf das alte Level und es passiert relativ wenig, ohne, dass man die Songs wirklich schlecht nennen könnte. Besser wird es erst wieder, wenn sich die Band mit Divide Devour dann doch plötzlich zu so einer Art Endspurt aufraffen kann. Der Song geht mit einem aggressiven Riffing an den Start und Barlow shouted endlich mal wieder etwas, dazu kommt ein hervorragender Chorus im Refrain. Wenn ich einem Song den Titel "Hit der Platte" zugestehen müsste, hier ist er! Das kommt dem, was ich von Iced Earth erwarte, näher als alles zuvor. Zwar wird beim nachfolgenden Come What May unnötigerweise wieder auf die Bremse getreten, trotzdem ist es noch einer der interessanteren Midtemposongs. Dies jedoch ausgerechnet weil hier nochmal ein paar der akustischen Elemente eingeflochten wurden, die das Vorgängeralbum stellenweise aus dem Trab brachten (sic!).
Nach dem folgenden Epilogue ist das Album dann, ich muss leider sagen, endlich zu Ende und lässt mich zu einem guten Teil frustriert zurück. Ich bin der letzte, der kritisiert wenn eine Band sich in irgendeiner Form musikalisch verändert, jedoch sollte das nicht mit einer kreativen Armutserklärung einhergehen. "The Crucible Of Man" hinterlässt stellenweise den Eindruck, als ob versucht worden wäre, mit den Elementen einiger der größten Momente der Bandhistorie eine CD zu füllen. Schade nur, dass jene großen Midtempo-Stück und Balladen, ich beziehe mich hier auf die großartigen Melancholy (The Holy Martyr) und Watching Over Me, einen guten Teil ihrer Faszination auch daher bezogen haben, dass sie eben rar gesäht waren. Hier verkommt dieser Stil zur Standardkost und übersättigt einen fast von Anfang an.

Nun stellt sich die Frage, wie man das ganz einzuordnen hat. Sind Iced Earth musikalisch "am Ende"? Das lässt sich nach diesem Album kaum feststellen, denn die Voraussetzungen für sein Entstehen sind hierfür einfach zu speziell. Jon Schaffer hat sich mit seinen beiden Konzeptalben freiwillig in ein enges thematisches und musikalisches Korsett begeben, dass dem Vorbild, der Abschlusstrilogie vom 1998er Album "Something Wicked This Way Comes", leider zu keiner Sekunde das Wasser reichen kann. Große Momente lassen sich schwer wiederholen, noch viel schwerer wird es, wenn seit dem ursprünglichen kreativen Funken soviel Zeit ins Land gegangen ist. Manche Konzepte kann man auch einfach tot schreiben, das ist hier meiner Meinung nach passiert. Zudem drängt sich, nicht erst seit diesem Album, der Verdacht auf, dass Jon Schaffer, um sein volles kreatives Potential abzurufen, den ein oder anderen Reibungspunkt, sprich Co-Songwriter braucht. Bis einschließlich dem großartigen "Dark Saga"-Album scheint diese Aufgabe durch Langzeit-Leadgitarrist Randy Shawver wahrgenommen worden zu sein, denn schon auf der darauffolgenden "Something Wicked This Way Comes", ohne Shawver, liessen sich, im Verborgenen, kleinere Kratzer am Gesamtwerk erkennen. Für kommende Iced Earth Scheiben bedeutet dies, dass man hoffen muss, dass Jon Schaffer in seinem neuen, nun hoffentlich wieder etwas stablieren, Band-Line-Up den einen oder anderen Kollegen hat, der es schafft vielleicht auch mal eine oder zwei seiner eigenen Ideen einzubringen. Ohne Frage, Schaffer IST Iced Earth, aber auch Iced Earth besteht aus mehr als der Summe seiner Teile.
Vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet hat diese Platte einfach nicht mehr als fünf Punkte verdient. Sie tut beim hören nicht weh, aber es fehlen die Anreize sie wieder in den Player zu legen. Man darf aber auch die erneut herausragende Leistung von Leadsänger Matthew Barlow nicht ausser Acht lassen. Die Frage ist, ob dieses Alleinstellungsmerkmal eine höhere Einstufung rechtfertigt. Im Grunde muss das jeder für sich selbst entscheiden. Ich belasse es bei der niedrigend Punktzahl, denn so selten wie "The Crucible Of Man" habe ich kaum ein anderes, der in meinem Besitz befindlichen Alben, gehört. Sollte das Album beispielhaft für das sein was noch kommt, wird sich zeigen, welche Fans den Weg mitgehen werden. Ich werde es vermutlich nicht.

Anspieltipps: Divide Devour, Minions Of The Watch, Come What May

Wertung:
5/10

 

Hast Du Kommentare zur Platte oder zum Review? Melde Dich an und diskutiere mit uns in unserem Forum!


Weitere Informationen:

VÖ: 2008
Spielzeit: 59:09
Genre: Power Metal
Label: SPV / Steamhammer
Homepage: http://www.icedearth.com

Besetzung:
Matthew Barlow - Gesang
Jon Schaffer - Gitarre, Bass, Gesang
Troy Seele - Gitarre
Dennis Hayes - Bass
Brent Smedley - Schlagzeug

Titelliste:
01. In Sacred Flames (1:28)
02. Behold the Wicked Child (5:37)
03. Minions Of The Watch (2:06)
04. The Revealing (2:40)
05. A Gift Or A Curse? (5:34)
06. Crown Of The Fallen (2:48)
07. The Dimensions Gauntlet (3:12)
08. I Walk Alone (4:00)
09. Harbinger Of Fate (4:42)
10. Crucify The King (5:36)
11. Sacrificial Kingdoms (3:57)
12. Something Wicked (Part 3) (4:31)
13. Divide Devour (3:15)
14. Come What May (7:23)
15. Epilogue (2:20)


Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 22. November 2009 um 16:03 Uhr
 

Login



Umfrage

Welches dieser Festivals werdet ihr 2010 besuchen? (Mehrfachabstimmung möglich)