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In Flames - A Sense Of Purpose PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Philipp Klein   
Samstag, den 12. April 2008 um 20:33 Uhr

Das Warten hat ein Ende, In Flames zeigen allen den Mittelfinger und werden die Fans mit Nostalgie und Pop in völlig neue Lager spalten.

In Flames - A Sense Of PurposeWohin soll die Reise gehen? Das dürfte die alles beherrschende Frage vieler Alt- und Neu-Fans der fünf Schweden in den letzten Wochen gewesen sein. Die Single The Mirror's Truth gab hierauf zwar bereits einen Ausblick, da jedoch drei der vier enthaltenen Songs nicht auf dem Album zu finden sind, konnte man somit kaum von der Qualität der Stücke auf das Album schließen.
Seit einigen Tagen ist nun klar, dass man getrost sagen kann, dass "A Sense Of Purpose" vermutlich noch mehr polarisiert als die letzten drei bis vier Alben der Band und doch scheint es, als würde der trennende Graben diesmal in anderen Bahnen verlaufen als bisher. In Flames haben mal wieder einen großen Schritt getan, wenn auch in eine andere Richtung als erwartet. Nach der recht derben letzten Veröffentlichung "Come Clarity" hatten (Alt-)Hörer sogar von einer vermeintlichen Rückkehr zu alten Tugenden phantasiert, die ich persönlich damals wie heute zu keiner Zeit erkennen konnte. Doch nein, In Flames machen mal wieder was sie am besten können, Musik, die eindeutig aus ihrer Feder stammt und doch irgendwie nicht so recht zu einer der alten Platten passt. Dieses Vorgehen hat spätestens seit dem 2002er Album "Reroute To Remain" Tradition. Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der einige der eingeschlagenen Pfade lieber nicht gegangen wäre, und doch ist diesmal etwas anders. Die Band lotet zwar öfters mal wieder neue Gefilde aus, flicht aber zudem wieder die zu ihren Götheborg-Metal-Zeiten typischen Akustikgitarren und Soli mit ein, die spätestens seit "Soundtrack To Your Escape" verloren gegangen schienen.

Auch der Sound ist, wie schon auf  "Come Clarity", wieder besser geworden, nur die Leadgitarren sind hin und wieder etwas zu leise abgemischt, was angesichts ihrer wiedererlangten Wichtigkeit im Songwriting schade, ab und zu sogar richtig ärgerlich, ist. Eine weitere Bemerkung möchte ich dem viel diskutierten Cover-Artwork angedeihen lassen. In Flames trauen sich hier endlich nochmal etwas Neues zu bringen, auch wenn der Stil durchaus „KoRnig“ anmutet, finde ich es doch recht gelungen, vor allem im Kontext zur gebotenen Musik.

Der Opener The Mirror's Truth ist bereits von der durchaus gelungenen Single-Veröffentlichung bekannt und ist, trotz aller Qualität, noch eines der schwächeren Stücke des Albums. Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten Song Disconnected der zu Beginn sehr gewaltig im "Come Clarity"-Stil aus den Boxen bricht, dann jedoch nach dem ersten Break kurz eine typische Leadmelodie aufblitzen läßt, insgesamt aber auch noch zu eintönig ist. Schon Sleepless Again schlägt bereits eine etwas andere Richtung ein, hallt einem doch zunächst nur eine leise Akustikgitarre entgegen, die urplötzlich von der brachialen Gewalt der Rhythmusfraktion weggerissen wird. Ab da hält sich der Song eher im Midtempo-Bereich auf und bietet gegen Ende das erste erwähnenswerte Gitarrensolo der Platte. Spätestens hier ist klar, bei den Schweden hat sich etwas getan. Leider folgt mit dem vierten Stück Alias wieder Ernüchterung. Über weite Strecken ist hier Langeweile angesagt, interessant wird es erst, als nach der Hälfte der Spielzeit Akustikgitarren einsetzen und kurz das Heft an sich reißen. Ab da weiß der Song durchaus zu gefallen, bleibt aber für mich einer der schwächsten der Platte, fast hat man das Gefühl, einem kalkulierten Disko-Hit zu lauschen.
Ist der Eindruck der Platte bisher eher durchwachsen, kann man nun getrost verkünden, dass die Talsohle durchschritten ist und es nun an den Aufstieg geht. Die durch die Leadgitarren dominierte Nummer Fünf des Albums, I'm The Highway, überzeugt vor allem mit einem klasse Refrain und stellt sich als erstes kleines Highlight heraus, muss gegen seinen Nachfolger dann aber doch die Waffen strecken. Delight And Angers ist nostalgisch und doch mutig, denn so sehr die Freunde älterer Platten von den vielen kurzen, nicht verzerrten Gitarren verzückt sein werden, so schockierend wird der auf dem Fuße folgende Refrain sein. Ich muss zugeben, auch mir ist hier kurz das Wort „Pop“ durch den Kopf geschossen, ein Urteil das wohl vielen Ohrwürmern anhaftet, bei solch guter Qualität letztendlich jedoch ohne Belang ist. Diejenigen, denen das letzte Stück zu süß war, dürften dem nächsten Song wieder mit mehr Wohlwollen gegenüber stehen. Move Through Me kommt recht aggressiv daher und ist, nicht zuletzt durch seine Soli, ziemlich rockig geraten. Im Anschluss folgt das ruhigste Stück der Platte, wenn nicht gar das ruhigste der Bandgeschichte, mit mehr als acht Minuten auf jeden Fall das längste. The Chosen Pessimist fängt mit einer leisen, sich immer wiederholenden Gitarre an, die durchaus an Satellites And Astronauts vom 2000er Über-Album "Clayman" erinnert. Dazu kommen leise Keyboard- und Synthie-Spielereien, bis Anders schließlich nach über einem Drittel mit leisem Gesang einsteigt. Hier erreicht das Album seinen atmosphärischen Gipfel. Dieser absolut untypische Song zeigt die Band von einer völlig neuen Seite die ihr jedoch ausgezeichnet zu Gesicht steht. Das hier ist ganz großes Kino für die Ohren und den Geist, bitte mehr davon!
Nach dieser äußerst intensiven Gänsehautspannung legt Sober And Irrelevant im Anschluss mit geradezu ungezügelter Kraft los, die einen direkt wieder an "Come Clarity" denken läßt, und doch über die Leadgitarren und Soli immer wieder Kontakt zu vergangenen Großtaten aufnimmt. Mit dem markanten Refrain des überzeugenden Groovemonsters Condemned kommen wir schließlich langsam aber sicher in die Nähe der Zielgeraden. Auf dem Weg kommen wir noch an den wunderbaren Leadgitarren von Drenched In Fear vorbei, um dann festzustellen, dass hier mit dem cleanen Gesang leider einiges kaputt gemacht wird. Zu guter Letzt steht uns dann noch ein weiterer Hammer bevor. March To The Shore überzeugt vor allem durch Anders' Shouts und die guten Gesangsmelodien und gibt insgesamt noch einmal ordentlich Gas, ohne dabei ein wunderbares Solo zu überrollen.

Die von Einigen wohl immer noch erhoffte Rückkehr zu den „glorreichen Tagen“ des Göteborg-Death-Metals ist zwar nicht eingetreten, doch das Album sollte auch einigen Noch- oder Ex-Fans deutlich besser Schmecken als die letzten drei Platten. Nach mittlerweile vier Alben seit dem letzten ernsthaften Schweden-Death-Album, sollte man die Idee, noch einmal ein solches vorgesetzt zu bekommen, vielleicht wirklich mal zu den Akten legen.
Was bleibt ist das in meinen Augen beste Album seit "Clayman", mit dessen Licht leider auch ein paar Schatten einher gehen. Ohne den etwas schwächelnden Anfang und ein paar weitere Schlaglöcher wäre durchaus eine noch höhere Wertung möglichgewesen, so scheitert "A Sense Of Purpose" ganz knapp an der 8. Sollte das Album ausnahmsweise mal auf kommende Werke schließen lassen, kann man ein wieder gestiegenes Niveau attestieren, das in Zukunft zu einem neuen großen Wurf führen könnte. Zu wünschen wäre es den Jungs, das neue Logo, das bei der Band immer mit größeren Veränderungen einher zu gehen scheint, haben sie ja schon.

Anspieltipps: I'm The Highway, Delight And Angers, March To The Shore, Condemned und natürlich The Chosen Pessimist.

Wertung: 7/10

 

Weitere Informationen:

VÖ-Jahr: 2008
Spielzeit: 48:00
Genre: Melodic Death Metal / Modern Metal
Label: Nuclear Blast
Homepage: http://www.inflames.com

Besetzung:
Anders Fridén – Gesang
Jesper Strömblad - Gitarre
Björn Gelotte - Gitarre
Peter Iwers - Bass
Daniel Svensson - Schlagzeug

Titelliste:
01. The Mirror's Truth (2:59)
02. Disconnected (3:36)
03. Sleepless Again (4:09)
04. Alias (4:49)
05. I'm The Highway (3:41)
06. Delight And Angers (3:38)
07. Move Through Me (3:05)
08. The Chosen Pessimist (8:13)
09. Sober And Irrelevant (3:21)
10. Condemned (3:34)
11. Drenched In Fear (3:29)
12. March To The Shore (3:26)

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 13. April 2008 um 19:46 Uhr